Warum Menschen aufmerksamer sind als Goldfische

Es kursiert die Behauptung, dass Menschen eine Aufmerksamkeitsspanne haben, die geringer sei als die eines Goldfisches. Diese Mär basiert auf einer Studie, welche 2015 von Microsoft veröffentlicht wurde und in der Marketing-Welt ordentlich für Furore gesorgt hat. Die Quintessenz, die aus der Studie gezogen wurde, war die deutliche Aussage, dass wir mit einer Aufmerksamkeitsspanne von 8 Sekunden unter der eines Goldfisches operieren und Marketinginhalte daher kurz und knackig sein sollten, damit wir sie in dieser kurzen Spanne auch verarbeiten können.

Vergessen Sie das soeben Gelesene, bei der Behauptung handelt es sich tatsächlich nur um eine Mär. Zwar hat es die Studie im Jahr 2015 von Microsoft gegeben, doch wurden hierbei weder die unterschiedlichen Arten von Aufmerksamkeitsspannen als solches untersucht, noch wurden irgendwelche Vergleiche zu Goldfischen gezogen.

Microsoft beschäftigte sich in seiner Studie damit, wie der Mensch mit der täglichen Informationsflut umgeht. Dabei taucht im Rahmen der Studie eine Infografik zu verschiedenen Aufmerksamkeitsspannen auf, die auf eine externe Quelle verweist. Hierbei handelt es sich um Statistic Brain. Allerdings verweist diese Quelle wiederum auf eine deutsche Studie aus dem Jahr 2008, welche sich mit der Internetnutzung und Aufmerksamkeitsspannen beschäftigt. Die Zahlen, die im Rahmen der Microsoft-Studie erwähnt werden, sind hier jedoch nicht beinhaltet. Ebenso wenig ist klar, welche Aufmerksamkeitsspanne Goldfische haben. Zu diesem Thema gibt es lediglich eine australische Studie, die sich mit dem Erinnerungsvermögen von Goldfischen beschäftigt. Mit der Aufmerksamkeitsspanne hat dies nichts zu tun. Es ist in diesem Fall, wie es so oft mit Gerüchten ist: Ein wahrer Kern wird mit vielen haltlosen Informationen aufgebauscht und in die Welt gesetzt, wo sich die Geschichte – solange sie nur spektakulär genug ist – sich über Jahre hält.

Was können wir also mit der von Microsoft durchgeführten Studie anfangen? Tatsächlich ist sie für modernes Marketing von großem Wert, denn sie zeigt, dass wir Menschen uns den aktuellen digitalen Informationsfluten angepasst haben, indem unsere Multitasking Fähigkeiten ausgeweitet wurden und wir effizientere Mechanismen entwickelt haben, um für uns relevante Informationen herauszufiltern. Alles andere wurde in Windeseile dazu gedichtet, und weil der Vergleich mit einem Goldfisch, bei dem der Mensch auch noch schlechter abschneidet, so spektakulär ist, hat sich das Gerücht bis heute hartnäckig gehalten.

Wir wissen, dass die menschliche Konzentrationsfähigkeit deutlich höher ist als die von Fischen. Wir haben lediglich Mechanismen entwickelt, um uns auf Wesentliches zu fokussieren, was eine stetige Weiterentwicklung unseres Wahrnehmungsvermögens und unserer Aufnahmefähigkeit bedeutet.

Nun dürfen Werbetreibende nicht den Fehler begehen zu glauben, die zu beobachtende nachlassende Geduld gegenüber neuen Informationen verlange es, ausschließlich kurzen Content zu erzeugen. Kurzer Content kann uninteressant und ohne jeglichen Mehrwert sein. Vielmehr gilt es, als interessant wahrgenommen zu werden. Erfolgreiches Marketing zielt darauf ab, mit unterschiedlich langen Inhalten die Aufmerksamkeit der Konsumenten zu erlangen.

Die Relevanz zählt

Der potenzielle Kunde filtert Informationen stärker als früher und konzentriert sich dabei auf Relevantes – diese Erkenntnis stellt auch die Basis für den Erfolg von Google dar. Der vorhergehende Marktführer unter den Suchmaschinen Altavista war in seiner Logik kompliziert. Je umfangreicher das Internet wurde, umso mehr erschlug Altavista seine User mit Informationen und ermüdete sie. Google hingegen wurde als die simpelste Weblösung konzipiert, die möglich war, und schaffte damit den großen Durchbruch. In kürzester Zeit gelang es Google nicht nur, Altavista abzulösen, sondern zum führenden Suchanbieter und mittlerweile zum erfolgreichsten Internetkonzern zu werden.

Was machte Google so besonders? In einer Zeit, in der das Internet quasi explodierte und man die Möglichkeiten des HTML und Java Flashs bis ins Letzte austestete, präsentierte sich Google auf das Wesentlichste reduziert: Auf der Homepage fanden User auf weißem Grund lediglich das Logo und ein Suchfeld. Das war gewagt in einem Zeitalter, in dem jedes Unternehmen glaubte, es müsse sich im Netz noch attraktiver, noch verrückter und noch technischer präsentieren. Doch Google traf damit den Nerv der Zeit mehr als alle anderen. Es waren nun schließlich nicht mehr nur die „Techies“, die das Internet nutzten, es war mittlerweile Jedermann, vom Schüler bis zum Rentner. Und nicht jeder hatte eine so ausgeweitete Internetverbindung, als dass die aufwändig programmierten Seiten immer zuverlässig hätten geladen werden können. Google hingegen funktionierte bei jedem und ließ keine Fragen darüber offen, wie es zu nutzen sei. Schließlich gab es nur das eine Suchfeld.

Dieses Prinzip des Simplicity hat sich Google bis heute bewahrt. Die Homepage ist immer noch so schlank wie eh und je, obwohl die Features stetig erweitert werden. Auch in seiner Funktionsweise setzt Google immer noch darauf, den Usern alle Informationen so einfach wie möglich zur Verfügung zu stellen.

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Beitragsbild: © Alexandra Bucurescu  / pixelio.de

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